Kurzgeschichten (2) Devil
Erotik & Satire

Nr. 1
Anmerkungen zur so genannten Duldungsstarre bei weiblichen Schweinen
Ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers bewirkt bei brünstigen Säuen eine völlige Apathie.
Mit weitreichenden Folgen- auch im zwischenmenschlichen Bereich!

Nr. 2
Kalte Wangen, heiße Zangen.
Die etwas andere Art der Goldgewinnung.
Illustration: Michael Blümel.

Nr. 3
Bekehrung eines Stehpinklers
Ehemaliger Preisträger im Stehen wird drastisch zum Sitzen bekehrt - bei gewissen Verrichtungen.
Illustration: Michael Blümel.

Nr. 4
Von Tauben, Falken und Granaten
Selbstreproduzierende Kleinflugkörper. Horror-Version einer neuen Wunderwaffe.

Ab sofort gibt es meine gesammelten Werke auch als Buch
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Glossen & Possen
Weitere kleine Geschichten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken!

Der Patentmaulkorb
Mein allerneuestes Büchlein!

Meine Audio-CD "EROTIK & SATIRE"
Gedichte und Geschichten
Vorgelesen von Marlies Tauner. Ihre ausdrucksvolle Stimme ist das "Tüpfelchen auf dem i"!

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Nr. 1

Anmerkungen zur "Duldungsstarre" bei weiblichen Schweinen

Wie Eingeweihten bekannt, bewirkt ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers bei brünstigen Säuen eine völlige Apathie.  Für seine eindeutigen Absichten ist das eine sehr geeignete Verhaltensweise, kann er sich doch erst jetzt seiner immer schönen und auch so wichtigen Lieblingsbeschäftigung ungestört widmen. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Duldungsstarre.
Nach neuesten Forschungsergebnissen aus den USA steht nun eine im zwischenmenschlichen Bereich anwendbare Variante des schweinischen Duftstoffes in Kürze vor dem Durchbruch.
Allerdings regen sich schon erste Proteste gegen die Markteinführung. Ethisch, moralische Bedenken sind auch angebracht, wenn man bedenkt, dass in der praktischen Anwendung dem menschlichen Eber nur wenige Tropfen genügen, um ungehemmt und hemmungslos seinen schweinischen Trieben frönen zu können.
Nach allerneuesten Forschungsergebnissen - diesmal aus Belutschistan - arbeitet eine sehr engagierte Gruppe von Forscherinnen an der Extrahierung eines Duftdrüsen-Sekrets, nun aber vom weiblichen Schwein, welches dem schnüffelnden Eber Lustmangel und fehlende Empfängnisbereitschaft signalisiert. Bisher haben die Eber entsprechend reagiert und sind leicht frustriert davon gezogen.
Wie sich allerdings Versuchspersonen männlichen Geschlechts  verhalten werden, ist noch nicht endgültig geklärt. Es steht zu vermuten, dass zumindest einigen Exemplaren dieser Gattung die vom Objekt ihrer Begierde vorgetäuschte Lustlosigkeit oder gar die mangelnde Empfängnisbereitschaft völlig schnuppe sind, und sie sich ganz auf die Wirkung ihrer eigenen, vermutlich teuren Tropfen, verlassen werden.
Nun ist es auch nicht jedermanns Sache, sich mit einer erstarrten und völlig apathischen Frau zu vergnügen. Was einem Schwein recht ist, sollte aber einem Menschen nicht billig sein. Was würde uns sonst von den im übrigen recht sympathischen Tieren unterscheiden?
Inzwischen ist ja bekannt, dass das schweinische Herz dem menschlichen aus medizinischer Sicht sehr ähnelt, ja, dass sogar schon seine Transplantation von fortschrittlichen Chirurgen ins Auge gefasst wird. Bisher allerdings nur in einer Richtung, nämlich zum Wohle des menschlichen Patienten und nicht umgekehrt!
Warum eigentlich nicht? Die Frage sei erlaubt, aus welchen ethischen oder moralischen Gründen man einem armen, herzkranken Schwein das lebensrettende menschliche Gegenstück nicht implantieren sollte. Zumal alle schweinischen Menschen ja sowieso schon ideale Voraussetzungen erfüllen und post mortem wenigstens einmal etwas Gutes bewirken könnten.
Man wird dann allerdings damit rechnen müssen, dass bestimmte - mehr wirtschaftlich orientierte Gruppen - sich vehement gegen diese humane Idee wenden werden. Ich denke da natürlich in erster Linie an die Fleischwarenindustrie, die starke Umsatzeinbußen befürchten muß. Wer isst noch Schweinefleisch, wenn in der Brust des ermordeten Tieres ein menschliches Herz geschlagen hat? Im umgekehrten Fall könnten nur Kannibalen die Frage definitiv beantworten, die aber schon rein zahlenmäßig für die Industrie nicht so wichtig sind.
Wie man sieht, ist das ganze Thema sehr komplex und meine Anmerkungen dazu sind nur als kleines Mosaiksteinchen im großen Puzzle gedacht.
Vielleicht ist eine verständnisvollere Einstellung gegenüber unseren schweinischen Artgenossen ein erster Schritt zur Annäherung.

©Copyright by Fred Lang

Leserbrief:
Aus diesem schönen Stückchen Satire habe ich zweierlei Dinge gelernt:
Erstens: Als sex-übersättigtes Weibchen (Sex, Sex und nochmals Sex, auf jeder Zeitung, auf jedem Fernsehkanal, sogar bei Donald Duck; gepaart mit der Frage, ob man denn auch oft genug und lange genug und ob die Stellung auch fantasievoll gestaltet war und ob man nächstes Mal nicht doch lieber die Lustkugeln und die Gummistrapse und oh, war das etwa nur ein vaginaler Orgasmus wo zum Teufel habe ich nur meinen G-Punkt gelassen, und welche Stellung empfiehlt der Kamasutra-Kalenderspruch für heute) SEHR an einem lusttötenden, Mangel an Begeisterung energisch durchsetzenden Duftspray interessiert bin;
zweitens: dass ich der erste Mensch sein werde, der statt "ich bremse auch für Tiere" einen Aufkleber mit der Aufschrift "Organspender für Schweine - bei Unfall bitte Ehemann und nächste Veterinärdienststelle benachrichtigen" auf dem Auto kleben haben wird."
Gwenhwyfar
hsanda@web.de

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Schweinische Stimulation

Foto
Copyright Katja Knappe 2006

Auf diesem Bild geht es übrigens bezüglich der "Duldungsstarre" umgekehrt zu.
 Die Sau hat die Initiative ergriffen. Das ist wahre Emanzipation!

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Neueste Forschungsergebnisse
Ein Herz aus Schwein für kranke Menschen.

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Nr. 2
 Kalte Wangen, heiße Zangen
Die etwas andere Art der Goldgewinnung.

An diesem nebligen und nasskalten Novembertag waren es 74 Jahre, 9 Monate und 27 Tage her, dass ein besonders energischer Samenfaden eines menschlichen Männchens sich in die eher passive Eizelle eines Weibchens bohrte. Nach kurzer Zeit verursachte dieser "Überfall" eine enorme Zellteilung, die ihren Höhepunkt und vorläufigen Abschluss heute vor genau 74 Jahren durch eine sogenannte Zangengeburt erreichte. Von diesem so praktischen Instrument wird auch gegen Ende dieser kleinen Geschichte noch einmal berichtet, dann allerdings von erheblich schmerzhafteren Begleitumständen für den Betroffenen.
Das Produkt all dieser Bemühungen, Johann K., lag auf der Krankenstation eines jener Altenheime, in denen vorwiegend nach der Devise: "Sauber, satt und still" im Umgang mit den bedauernswerten Insassen gehandelt wird. Herr K. hatte von Nachtschwester Ingeborg als Geburtstagsgeschenk eine Morphiumspritze bekommen und dämmerte nun relativ ruhig vor sich hin. Sein baldiger Abschied von einer Welt, in der er sich nie so recht wohl gefühlt hatte, stand unmittelbar bevor. Die ehemaligen Eigentümer jenes so eifrigen Samenfadens und der eher passiven Eizelle hatten schon vor längerer Zeit ihre Produktion eingestellt und waren bald darauf gestorben. Herr K. hatte gelegentlich versucht, seine Samenproduktion anzukurbeln, war damit aber bei den Eizellen erfolglos geblieben. 
Heute stand bzw. lag er ganz allein in einer Welt, die auch nicht eine Sekunde aus dem Takt geriet, als er sich am Nachmittag, satt und still, aber nicht ganz sauber, auf seine letzte Reise begab. Sie war nicht sonderlich weit und führte zunächst in einen Abstellraum am Ende des Flures. Lernschwester Lisa hatte den soeben Verblichenen dort abgestellt und das Fenster weit geöffnet, da sie in Bezug auf bestimmte Gerüche immer noch etwas empfindlich reagierte. Im übrigen war sie die Einzige, die nun so etwas wie Bedauern empfand. Hatte doch der jetzt so starre Leib vor nicht allzu langer Zeit unter ihren geschickten Händen gewisse Wohltaten erfahren. Diese führten, besonders bei einem bestimmten Körperteil, zu beeindruckenden Zuckungen, ja sogar manchmal zu einer erstaunlichen Höhe und Festigkeit!
Diese für beide Seiten so angenehme Beziehung war nun leider unwiderruflich beendet und sie hatte jetzt ein Problem. 
Es gab da einen sehr agilen Herrn, mittlerweile schon in den "Neunzigern", der aber bei weitem nicht so großzügig war wie der verstorbene Herr K. Dieser Herr S. hatte ihr sogar mit einer Anzeige gedroht, wenn sie sich nicht auf einen Rabatt einlassen würde. Außerdem stellte er in maßloser Selbstüberschätzung perverse Forderungen, die über ihre übliche "Handarbeit" weit hinaus gingen. 
All diesen so menschlichen Überlegungen weit entrückt wurde Herr K., bzw. seine sterblichen Überreste, einer flüchtigen Untersuchung unterzogen und man bestimmte eine Kühlkammer im Keller zu seinem nächsten, allerdings nur befristeten Aufenthalt. Hierher verirrten sich nur selten Heimbewohner. Und wenn es doch einmal geschah, wurden sie von Heinz, dem Hausmeister, schnell wieder in ihre fast genauso ungemütlichen "Wartezimmer" in den oberen Stockwerken geleitet. War ihre Zeit endgültig abgelaufen, wurden sie - diesmal aber in liegender Haltung - wieder von ihm hierher zurückgebracht. 
Heinz war ein richtiger Tausendsassa. Er übte seinen Job schon lange Zeit aus und er war sehr erfinderisch, wenn es darum ging, sein nicht gerade fürstliches Gehalt aufzubessern. Seine derzeitige Freundin Lisa versorgte ihn mit präzisen und wichtigen Informationen über seine kühlen Gäste. Wenn jemand, wie z.B. unser Herr K., keine Angehörigen hatte und ein spurloses Ende im Verbrennungsofen bevorstand, ging er folgendermaßen vor.
Zunächst wurde dem Toten eine Art Maulsperre verpasst. Sie war seine eigene Erfindung und erlaubte ein weitgehend unbeschränktes Hantieren mit einer speziellen Zange, die er für 51 Euro, incl. Mehrwertsteuer, über den einschlägigen Versandhandel erworben hatte. Die so fixierte Mundhöhle war dann weit geöffnet und im Schein einer billigen Taschenlampe konnte er ohne große Mühe das sehen, wonach er suchte. Der Rest war für den routinierten Leichenfledderer eine Kleinigkeit. Mit einer eleganten Drehung und gleichzeitigem Zug seiner Zange beförderte er so mehrere Goldzähne in einen kleinen Eimer. Das wurde jedesmal von einem zunächst knirschenden Geräusch, gefolgt von einem hellen Klingelton, begleitet. Dies war Musik in den Ohren des Hausmeisters und im Laufe der Zeit hatte er sich auf diese Weise einen schönen Vorrat an Zahngold verschafft. Die Idee zu seinem Nebenerwerb war ihm übrigens beim Besuch einer Holocaust-Ausstellung gekommen. 
Dort wurde anschaulich berichtet, wie die Schergen Hitlers diese Art von Goldgewinnung im großen Stil und mit staatlicher Billigung in den Konzentrationslagern betrieben hatten; wobei die Häftlinge zu dieser makabren Arbeit allerdings gezwungen wurden. 
Heute war Heinz nicht ganz bei der Sache und er hatte Schwierigkeiten mit dem letzten Goldzahn, dem offenbar nicht daran gelegen war sich auf so brutale Weise von seinem angestammten Platz entfernen zu lassen. Schon mehrfach war die Zange abgerutscht und hatte dabei hässlich aussehende Spuren in der Mundhöhle verursacht. Der Fledderer bemerkte übrigens nicht, dass die vormals wächserne Gesichtsfarbe des Toten inzwischen einen frischen, rosafarbenen Ton bekommen hatte und der Körper sich leicht aufbäumte. Schwitzend und mit hochrotem Gesicht unternahm er einen letzten Versuch, diesen hartnäckigen Widerstand zu brechen. Die Fingerknöchel seiner gewaltigen Faust schimmerten weiß und die Adern traten deutlich hervor. Mit einem gewaltigen Ruck, verbunden mit einer diesmal nicht so eleganten Drehung, hatte er endlich Erfolg. 
Was nun geschah, wird von Ohren- und Augenzeugen wie folgt beschrieben. Demnach soll ein gellender, nicht endenwollender Schrei auch den letzten Heimbewohner aufgeschreckt haben. Den herbeigelaufenen Insassen bot sich ein gespenstisches Bild. Johann K. stand hochaufgerichtet in seinem viel zu langen Totenhemd vor seinem Bett. Die Maulsperre hatte seinen Mund, aus dem jetzt nur noch krächzende Laute kamen, unnatürlich weit geöffnet; was die grauenvolle Wirkung auf die Anwesenden noch erhöhte. Mit anklagender Gebärde zeigte er auf seinen Peiniger, der am Boden lag und dessen Gesicht inzwischen eine gelblich wächserne Färbung angenommen hatte. 
Dem im wahrsten Sinn des Wortes wieder Auferstandenen war offenbar völlig gleichgültig, dass er nun zum zweiten Mal einer Zange sein Leben verdankte. 
Er wollte es nicht mehr.

© Copyright by Fred Lang

Cartoon
Copyright by Michael Blümel

Kommentare: 

"Hallo Fred,
Lang :-) nicht mehr gelesen, aber spare mir immer gern ein paar textliche Leckerli auf, die ich dann an finsteren Herbsttagen aus den verborgenen Ecken dieser multimedialen Regale pflücke. An diesem hier habe ich viel Spaß gehabt (wenn ich auch hier und da beim Lesen ein unangenehmes Reißen in den Backenzähnen verspürte).
Ich bin mal wieder verblüfft, wie man so reizend und witzig unterschwellige Kritik am Gesundheitssystem üben und ganz nebenbei äußerst interessante Einblicke in die unbeleuchteten Keller der menschlichen Natur geben kann."
Trainspotterin@gmx.net
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"Hallo Fred,
es ist eine Kunst für sich, eine makabre Geschichte gut zu erzählen. Und du hast mich mit deiner Geschichte vollkommen davon überzeugt, dass du diese Kunst beherrschst! Dein naiv-neutraler Ton ist der Hammer! Und auch die gedoppelte Struktur der zweimaligen Zangengeburt finde ich gelungen und unerwartet. Sind die literarischen Anspielungen beabsichtigt? (Herr K. hat mich an Kafka und die helfende Hand der Krankenschwester an Irving erinnert?!)
Einzige Beanstandung: Herrn S. würde ich streichen, er hat eigentlich nichts mit den anderen und mit dem weiteren Verlauf der Geschichte zu tun. Ich glaube, dadurch wäre die Geschichte noch ein wenig runder.

Ganz liebe Grüße, Niko

Edit: ... nachdem es nochmal kräftig in meinem Oberstübchen gerattert hat, weiß ich jetzt, mit wessen Art zu schreiben ich deine Geschichte vergleichen würde: Roald Dahl!
Nikola H.

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Nr. 3
Eine wundersame Wandlung

Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde wie er es bisher gewohnt war. So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit allerdings schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren“ ging und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht.
Bei diesen traurigen Anlässen dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen  bis auf eine Ausnahme - Phimose im postoperativen Stadium - den Mädchen in der sportlich durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens" deutlich überlegen waren. Dies führte dann oft zum sofortigen Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches Interesse an noch weitergehenden Forschungen, bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen verloren hatten.
An dieser Stelle soll auch kurz auf die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie" von Altmeister Siegmund Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen und es lieber selbst hätten.
Auch in späteren Jahren hatte das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden Mannes für L. eine gewisse Faszination. Vor allem dann, wenn der bernsteinfarbene Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in das vorgesehene Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl großer Gelassenheit, ja sogar einer gewissen Souveränität im Umgang mit der normalerweise eher banalen Verrichtung.
Besonders schöne Erinnerungen hatte er an die nicht gerade seltenen Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden Bedürfnis in der Natur freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten hierbei auch gewisse Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gehört doch im Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen Herrschafts- und Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische Aufsuchen eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger dient, andererseits zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor eventuellen Angriffen ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger Revierinhaber bietet. Schließlich befindet Mann sich doch in einer vergleichsweise wehrlosen Position, die zu einem heimtückischen Überfall ermutigen könnte. Es soll auch schon Bisse tollwütiger Füchse gegeben haben.

An diesem für Hermann L. denkwürdigen Abend im November befand er sich plötzlich und vollkommen unerwartet selbst in einer Situation, von der er bis dato nur vom Hörensagen Kenntnis hatte.
Nach dem Genuss zweier gut gekühlter Biere blieb nämlich die bisher immer als ganz selbstverständlich empfundene zeitlich versetzt vollzogene "Erleichterung" aus und führte nach anfänglicher Verblüffung über die ungewöhnliche Situation zu einer unbestimmten Furcht, die sich im Laufe der folgenden Stunden zu einer regelrechten Panik entwickelte. Eine ärztliche Diagnose war schnell gestellt: Akute Harnverhaltung bei vorhandenem Prostata-Adenom in schon fortgeschrittenem Stadium!
Eine eilig vorgenommene Katheterisierung im Krankenhaus führte nur zu einem kurzzeitigen Erfolg und musste bald durch eine sogenannte "Ballon-Katheterisierung" ersetzt werden. 
Hierbei wird ein Plastikschlauch durch die untere Bauchwand auf direktem Weg in die Harnblase gelegt. Dort verhindert ein kleiner Ballon das versehentliche Herausrutschen der neuen Leitung. Am sichtbaren anderen Ende des Schlauches befindet sich ein Ventil, das wie ein ganz normaler Wasserhahn betätigt werden kann. Über einen Adapter können verschiedene Beutel angeschlossen werden. 
Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, was der so bedauernswerte Mann nach all diesen Manipulationen fühlte und die Ahnung, dass er sich zu diesem Zeitpunkt erst ganz am Anfang seiner Leidenszeit befinden würde, machte die Sache nicht besser. 
Nach langwierigen Tests und zermürbendem Warten auf negative, oder weit schlimmer, positive Untersuchungsergebnisse fand sich der Patient nach einer ihm unendlich erscheinenden Wartezeit auf der Station Uro 1 im vierten Stock des Krankenhauses wieder. Er fühlte sich hilflos und allein gelassen.
In der Schilderung aller Maßnahmen fortzufahren, die nun dringend geboten erschienen und letztlich zur wundersamen Bekehrung des Stehpinklers Hermann L. von einem bisher so „standhaften“ Saulus zu einem künftig auf der Toilette sitzenden Paulus führten, würde das vielleicht jetzt noch vorhandene Mitgefühl des bisher geduldigen Lesers zu sehr strapazieren. Daher werden die im übrigen uninteressanten Details einer teilweisen Resektion der Prostata inklusive einer alle Beteiligten sehr überraschenden nachfolgenden Übernachtung auf der Intensivstation nicht näher beschrieben. Zumal Hermann L. verständlicherweise nur über sehr verschwommene und mehr in den Bereich der Träume gehörende Erinnerungen verfügt. 
Viel aufregender und interessanter gestalteten sich die nachfolgenden Tage und Nächte. Vergleichbar mit einem Fegefeuer, das im Gegensatz zum Aufenthalt in der Hölle immer noch eine Art Hoffnung bedeutet.

Auf den ersten und vermutlich auch auf den zweiten Blick unterscheidet ein Uroflow,  vom Pflegepersonal liebevoll "Flowchen" genannt, sich in nichts von einer normalen Toilette. Kurz gesagt geht es darum, durch die Messung der in einer bestimmten Zeit geflossenen Harnmenge und seiner Intensität einen genauen Aufschluss in Form einer grafischen Kurve zu bekommen. Hierbei müssen vorgegebene Standards erreicht und über mehrere Tage eingehalten werden. Außerdem wird anschließend die nicht abtransportierte Restharnmenge erfasst. Auch sie darf einen ganz bestimmten Wert nicht übersteigen.
All dies ist hervorragend geeignet, den Delinquenten in die furchtbaren Abgründe der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu stürzen und somit das erfolgreiche Überwinden der letzten und alles entscheidenden Hürde vor einer Entlassung zu verhindern. Ein mehrmaliges Versagen hätte nämlich eine erneute Operation zur unausweichlichen Folge gehabt!
An der Tür des Uroflows fällt übrigens noch auf, dass gelegentlich ein nicht zu übersehender flackernder roter Schriftzug das Betreten verbietet. Bisher hatte der Genesende aber weder die Veranlassung noch ein größeres Interesse daran, nähere Erkundigungen über Sinn und Zweck dieses Ortes einzuziehen.
Dies änderte sich allerdings schlagartig, als im Verlauf einer ärztlichen Visite eher beiläufig ein Besuch desselben gewünscht und auf dessen enorme, ja geradezu fundamentale Bedeutung hingewiesen wurde. Irritierend war auch der gemurmelte Hinweis, unbedingt mit voller Blase gleichzeitig aber auch völlig entspannt auf ganz natürlichem und direktem Wege dort eine erste "Funktionsprüfung" vorzunehmen.

Hat der Patient das Uroflow erst einmal betreten, vermittelt ihm ein nicht näher zu lokalisierendes Summen und schmatzende, zeitweise auch gurgelnde Geräusche,   das Gefühl einer insgesamt irritierenden und bedrückenden Atmosphäre.
Erste Panik kommt auf, weil sich die Tür nicht schließen lässt. Schon so mancher arme Teufel hat nämlich dort einen völlig unerwarteten Kreislaufkollaps erlitten. In diesem Fall ertönt dann ein Alarmton und das herbeigeeilte Pflegepersonal kümmert sich routiniert um den Unglücklichen.
Bedingt durch den enormen Stress, eine unter Umständen wochenlang blockierte Leitung wieder in Betrieb setzen zu müssen, ist das Gehirn offenbar nicht fähig sich da völlig rauszuhalten und einfach laufen zu lassen, was laufen soll.
Gebieterisch fordert ein unübersehbarer Text übrigens noch dazu auf, den alles entscheidenden Vorgang ausschließlich nur im Sitzen zu absolvieren. Zu diesem Zweck gibt es normalerweise eine Klobrille. Wer aber jetzt unter ihr das vertraute Becken erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr lauert ein überdimensionierter Trichter leise vibrierend auf ein messbares Ergebnis. Ein mit ihm verbundener ungewöhnlich dicker Schlauch verläuft in einigen Kringeln nach unten und verschwindet im Fußboden.
Wer jetzt noch einigermaßen entspannt Platz genommen hat verfügt wahrlich über starke Nerven. Der Erwartungsdruck auf den Patienten ist ungeheuer und führt erfahrungsgemäß beim ersten Mal bei fast allen Probanden zu einem sogenannten "kontrollierten Abbruch". So auch bei unserem Herrn L., der ganz geknickt und übrigens im wahrsten Sinn des Wortes "am Boden zerstört" war. Er hatte große Mühe, nach seiner erfolgreich verlaufenen Wiederbelebung seine Enttäuschung zu überwinden.

Im Laufe der nächsten Stunden wurde der wiederholte Besuch des Uroflows für ihn zum Albtraum und an eine entspannte Sitzung war nicht mehr zu denken. Hinzu kam eine in ihrer Tragikomik kaum zu überbietende Szenerie.
Eine schier endlose Prozession alter Männer trippelte oder schlich in den mit allerlei medizinischem Gerät vollgestopften Gängen und Fluren der Station umher. Viele der Patienten waren mit ihren jeweiligen Urinbeutelchen fest verbunden, die sich nur durch den Farbton ihres Inhaltes voneinander unterschieden und so dem Kundigen sofortigen Aufschluß über den genauen Zeitpunkt der bereits erfolgten Operation vermittelten. 
Es gab die Schamhaften, die ihren wichtigen Begleiter unter dem obligatorischen Bademantel versteckt hatten. Aber es gab auch die Stolzen, deren ganz offen getragener Beutelinhalt fast schon wieder in normalen Farben schimmerte. Und die allerdings nicht ahnten, was in den nächsten Tagen für ein furchtbares Horror-Szenario auf sie zukommen würde.
Vereinzelt irrten auch ganz normale Besucher umher, die beim Anblick einiger besonders roter Beutel, was auf eine erst kürzlich überstandene Operation hindeutete, schaudernd die Augen niederschlugen und mit eiligen Schritten dem Ausgang zustrebten. Alle Zurückgebliebenen aber blickten verstohlen und voller Neid auf die vermeintlich Glücklichen, die ohne "Zubehör" lässig umherschlenderten, um nach einer gewissen Zeit dann wie zufällig nacheinander hinter der Tür des Uroflows zu verschwinden.
Seit einiger Zeit war der einzige Stuhl gegenüber fast ständig besetzt und Herr L. musterte mit einem leidvoll erworbenen Kennerblick die Heraustretenden, beziehungsweise die hinaus Getragenen. Letztere erregten verständlicherweise sein besonderes Mitgefühl und seine Anteilnahme. Er hatte das tröstende Gefühl, diesem seelenlosen Ungeheuer nicht allein ausgeliefert zu sein. 
Nachdenklich saß er auf seinem Platz und ganz allmählich reifte in den folgenden Stunden bei ihm ein zunächst noch unbestimmter Gedanke zu einem wahrhaft genialen Plan, der nur noch getestet und zu gegebener Zeit ausgeführt werden mußte.

Es ist ruhig auf der Station Uro 1 um 5 Uhr am Morgen und Nachtschwester Bärbel hat gerade ihren letzten Kontrollgang beendet. Gleich wird sie den üblichen Bericht in der "Teeküche" bei gedämpfter Musik und dem Genuß einer starken Tasse Kaffee zu Ende schreiben.
Am Ende des langen Flures wird vorsichtig die Tür von Nr. 4035 geöffnet und ein Mann - angetan mit einem hier um diese Zeit üblichen kurzen Nachthemdchen - tritt vorsichtig heraus und eilt mit schnellen Schritten zum Ort seiner traumatischen Niederlagen.
Energisch und voll finsterer Gedanken betritt er den Vorhof zur Hölle. In der etwas zitternden rechten Hand hält er eine halbvolle Flasche. Der Inhalt besteht aus eigener Produktion und ist so klar wie geschliffener Bernstein. Er soll, so ist es geplant, unter exakter Berücksichtigung ganz bestimmter Intervalle von unterschiedlicher Dauer und Quantität in den heimtückisch vibrierenden Schlund des Ungeheuers geschüttet werden, um dadurch ein ideales Ergebnis zu simulieren. Doch plötzlich überkommt ihn mit Urgewalt ein unwiderstehlicher Drang, sich ganz entspannt hinzusetzen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.

Später wundert sich die Frühschicht über eine offensichtlich nur zur Hälfte ausgetrunkene Flasche. Sie steht auf dem Boden des Uroflows und sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben.

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Cartoon
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Nr. 4
Von Tauben, Falken und Granaten
Selbstreproduzierende Kleinflugkörper. Horror-Version einer neuen Wunderwaffe.

Ausgerechnet die Brieftaube, seit urdenklichen Zeiten ein Symbol des Friedens und der Liebe, soll in naher Zukunft zu militärischen Zwecken eingesetzt werden.
Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, plant ein Staat, der in Bezug auf die Anwendung von Massenvernichtungswaffen zur Durchsetzung seiner Machtansprüche noch nie Skrupel gekannt hat, künftig in großem Stil den Einsatz von Brieftauben.
Hinter vorgehaltener Hand wird von zunächst eintausend so genannten Kleinkalibrigen Marschflugkörpern gemunkelt. Oder KM, wie es im Militärjargon knapp und bündig heißt. 
Normalerweise kehren Brieftauben nach ihren Ausflügen immer zu ihren heimischen Verschlägen zurück. Fieberhaft wird nun in geheimen Forschungslabors daran gearbeitet, dieses Verhalten zu eliminieren, weil aus bestimmten Gründen eine Rückkehr nicht wünschenswert ist und im Falle einer Zündverzögerung fatale Folgen für die eigenen Streitkräfte zu erwarten wären. 
Extrahierte und entsprechend aufbereitete Gene japanischer Kamikaze-Piloten, die sich im Zweiten Weltkrieg in selbstmörderischer Absicht auf amerikanische Kriegsschiffe stürzten, sollen übrigens bei der Züchtung dieser neuen Wunderwaffe eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. 
Ein Kampfverband von entsprechend programmierten Vögeln soll nämlich bald in der Lage sein, militärische und zivile Ziele auszuspionieren, anzugreifen und zu vernichten. 
Nach dem Motto: „Gemeinsam sind wir stark!“, schließen sich die Tiere kurz vor dem Ziel eng zusammen und nach einem Sturzflug aus geringer Höhe ist alles vorbei. Vorher hat eine sogenannte „fliegende Vorhut“, die eine spezielle Ausbildung erhielt, eine genaue Zielansprache, bzw. Zielerkennung ermöglicht.
Pro KM reichen ja nur wenige Gramm Nitroglyzerin oder einige Tropfen der neuesten Nervengifte völlig aus. Sie befinden sich in speziellen Kapseln am Körper der tierischen Bomber. Beim Aufprall im Zielgebiet verstreuen sie augenblicklich ihren Tod und Verderben bringenden furchbaren Inhalt.
Aus militärischer Sicht liegen die Vorteile der neuen Waffe allerdings klar auf der Hand. Die Betriebskosten pro KM sind äußerst gering. An Verpflegung reichen etwa 35 Gramm Körnerfutter pro Tag völlig aus. Kosten, z.B. für Uniformen und Sold, entfallen natürlich.
Weitere Vorteile, die für ihren Einsatz sprechen: Eine Ortung durch gegnerisches Radar ist nicht möglich. Es gibt auch keine Befehlsverweigerungen. Verluste werden leicht durch Neuzugänge aus Massenzucht ersetzt, da voll taugliche Tiere im Gegensatz zu menschlichen Soldaten schon in wenigen Monaten zum Einsatz gebracht werden können - als selbstreproduzierende Kleinflugkörper im wahrsten Sinn des Wortes!
Im Vergleich zu ihren Waffenbrüdern, den hinreichend bekannten so genannten Großkalibrigen Marschflugkörpern, wie z.B. Raketen, ist daher bei einem Einsatz der KM von phänomenal niedrigen Stück- und Betriebskosten auszugehen.
Doch es gibt keine Angriffswaffe, die nicht in kurzer Zeit durch eine entsprechende Verteidigung neutralisiert wird.
Ausgerechnet der Falke, seit urdenklichen Zeiten ein Symbol für kriegerisches Verhalten, und ein von den Tauben schon immer gefürchteter Feind, soll in Zukunft als Leichter Kleinflugkörper, kurz LK genannt, zum Einsatz kommen. Da bei einem Falken keine komplizierten und aufwendigen Umprogrammierungen nötig sind - er darf einfach so sein, wie er ist - kann schon bald seine Produktion auf eine zur erfolgreichen Abwehr der KM unbedingt erforderliche Höhe gefahren werden. Man spricht fürs erste von fünfhundert LK. 
Allerdings sind bei ihnen die zu erwartenden Stück- und Betriebskosten etwas höher zu veranschlagen. Falken fressen mehr und sind auch bei der Aufzucht ihrer Jungen etwas eigensinnig. Im Hinblick auf den Jagderfolg ist dies aber als zweitrangig anzusehen; zumal für einen Falken die Eliminierung von 4 bis 5 Tauben schon in der Luft - weit vor dem Angriffsziel - kein Problem bedeutet. Einschlägige Erfahrungen liegen bereits vor, und wunderschöne Videoaufzeichnungen belegen eindrucksvoll die Leistungskraft und elegante Kampfweise dieser „Ritter der Lüfte“.
Ein kleines Problem am Rande ist allerdings noch nicht befriedigend gelöst. Die sorglose Entsorgung der nicht zum Einsatz gekommenen oder verirrten kleinkalibrigen Marschflugkörper mit ihren todbringenden Kapseln ist noch nicht gewährleistet. Doch in Bezug auf den Schutz der Umwelt wurde schon immer gesündigt und auch Militärs machen sich nur selten über die Folgen ihrer Taten Gedanken. 
Für den schon erwähnten Staat wäre das alles natürlich auch ein Verkaufsschlager ersten Ranges, der aber im Hinblick auf die Erhaltung eines „Gleichgewichts des Schreckens“ immer nur im Doppelpack angeboten werden sollte!

© Copyright by Fred Lang

Foto von der CD

Die vorstehende Geschichte liest der Autor höchstselbst. Sie kostet nur 7 Euro incl. Versand!
Bitte bei der Bestellung den Titel im "Betreff" der Mail angeben. Danke!

Ich freue mich über Leserpost!
Meine E-Mail-Adresse:
post@fred-lang.de
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